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Hauptpreis 2002 für Peter Haffner, «Ein ganz normales Genie», NZZ Folio Laudatio von Nik Walter, Jurymitglied, Ressortleiter Wissen, Sonntagszeitung Zürich
Auch das Thema des Beitrags, der mit dem Hauptpreis des diesjährigen Prix Media ausgezeichnet wird, bewegt sich im Grunde am Rande der Naturwissenschaften, und zwar irgendwo zwischen Mathematik und Computerwissenschaften. Für die Jury war aber, ohne allzu viel zu verraten, schnell klar, dass der Text wegen seiner ausserordentlich hohen journalistischen Qualität auf jeden Fall auszeichnungswürdig ist. Beim ausgezeichneten Beitrag handelt es sich um ein faszinierendes Porträt des zurückgezogen lebenden Programmier-Gurus Donald Knuth von der Stanford University. Autor des Stücks ist Peter Haffner, Redaktor, oder besser gesagt Ex-Redaktor beim NZZ-Folio, wo das Porträt im Februar-Heft dieses Jahres auch erschienen ist. Peter Haffner ist 49 Jahre alt und hat vor dem Prix Media der SANW schon einige bedeutende Journalistenpreise gewonnen, darunter 1994 die wohl begehrteste Auszeichnung im deutschsprachigen Raum, den Egon Erwin Kisch-Preis. Leider kann Peter Haffner heute Abend nicht hier sein, was ich sehr bedauere. Herr Haffner ist gerade dabei, seine Zelte in der Schweiz abzubrechen und in die USA überzusiedeln. Nach 11 Jahren NZZ Folio wird er in Zukunft als USA-Korrespondent für das Magazin des Tages-Anzeigers schreiben. Ich freue mich jetzt schon auf seine USA-Geschichten. Peter Haffner ist etwas gelungen, woran schon viele Journalisten vor ihm gescheitert sind: Er hat es geschafft, Donald Knuth, den „Einstein der Computerwissenschaften“, zu einem Gespräch zu überreden. Denn normalerweise gibt Knuth keine Interviews. Das mag wohl mit ein Grund sein, dass kaum jemand ausserhalb der Branche Knuth kennt, obwohl er ausser dem Nobelpreis (für Mathematik und Computerwissenschaft gibt es bekanntlich ja keinen Nobelpreis) die höchsten wissenschaftlichen Auszeichnungen erhalten hat und sein Werk „The Art of Computer Programming“ zu den zwölf wichtigsten Wissenschaftsbüchern des 20. Jahrhunderts zählt. Knuth, schildert uns Haffner mit viel Empathie, ist eine vielschichtige Figur. Ein Kauz einerseits, der kaum mehr an der Uni anzutreffen ist, sondern zuhause an seinem wohl nie vollendeten Lebenswerk, eben „The Art of Computer Programming“ schreibt; ein Besessener, der nichts anderes als das perfekte Computerprogramm im Kopf hat; ein Genie, das Programmieren als Kunst betreibt. Andererseits, erfahren wir von Haffner, ist Knuth aber auch ein ganz normaler Mensch, der in die Kirche geht und dort nur wegen seiner Grösse auffällt; der auf seiner Homepage erzählt, woher er die coole Brille hat; oder dem es nach seiner monatlichen Vorlesung an der Stanford University, die Kultstatus hat, peinlich ist, wenn seine Studenten von ihm Autogramme verlangen. ... Einmal im Monat, wenn's geht, gibt Knuth in Stanford eine Vorlesung, und das Publikum strömt in Scharen zu diesen «Computer Musings», einer Art von amuse-gueule für mathematische Feinschmecker. «Totally Acyclic Digraphs (Spiders) and how to squish them» heisst das Thema der achten «Christmas tree lecture», über das Knuth an diesem 6. Dezember 2001, einem klaren, sonnigen kalifornischen Wintertag, im Hörsaal des Gates Building spricht. Doch was heisst da sprechen: Er stammelt, stottert, wiederholt sich, korrigiert sich, kritzelt und krakelt auf den linierten Schreibblock, der vor ihm liegt und auf eine Leinwand projiziert wird. Auf der ist, überlebensgross, nur seine Hand, der Filzschreiber und das, was er notiert, zu sehen - Nullen und Einsen, X und Pfeile, die mit Befehlen wie «while», «change», «false», «return true» und «return false» in Reih und Glied gebracht werden. Bald schon findet sich der Dozent in dem Papierwirrwarr nicht mehr zurecht, streicht sich die spärlichen Haare über die Glatze, blickt hilfesuchend ins Leere. „Ein ganz normales Genie“ – so der Titel des Porträts – ist kein ganz normales Porträt, sondern ein Lesestück, das von der ersten bis zur letzen Zeile Spass macht. Mit seiner unaufdringlichen, aber elegant komponierten Sprache bringt uns Haffner die vielen Facetten des „ganz normalen Genies“ näher. Die Figur, so hat man das Gefühl, erwacht beim Lesen richtiggehend zum Leben. Genau so muss ein Porträt sein. Doch nicht nur der Mensch kommt zum Vorschein, auch sein wissenschaftliches Schaffen wird dem Leser oder der Leserin zumindest im Ansatz klar. Knuth geht es im wesentlichen darum, zwischen der abstrakten Maschinensprache und der Anwender orientierten Benutzsoftware zu vermitteln. Die zwei Anerkennungspreise gehen an zwei Sendungen in elektronischen Medien, die uns beide wegen ihrem eigenwilligen Zugang zur Wissenschaft aufgefallen sind.
1. Anerkennungspreis 2002 für Marco Martucci, Radiosendungen auf Rete Uno Laudatio von Nik Walter, Jurymitglied, Ressortleiter Wissen, Sonntagszeitung Zürich
Martucci erzählt mehr als er lehrt; er informiert nicht nur, er erklärt die Dinge; kurz: er verbreitet interessantes Wissen und vergisst dabei nicht, sein Staunen über die Natur und ihre Phänomene mit den Radiohörern und Leserinnen zu teilen.
2. Anerkennungspreis 2002 für Roland Blaser, „Fokus Schweiz“ Laudatio von Nik Walter, Jurymitglied, Ressortleiter Wissen, Sonntagszeitung Zürich (Ausschnitt)
Und nebenbei, zumindest kann man das aus wissenschaftsjournalistischer Warte sagen, fliegt Blaser seit 1987 auch als Teilzeit-Linienpilot, vorerst bei der Crossair, heute bei der Swiss. So vielseitig wie seine berufliche Laufbahn sind auch Blasers „Fokus Schweiz“-Kurzgeschichten. Mal interviewt er eine Ökologin, die herausfinden will, ob man mit Schildkäferlarven ein Unkraut bekämpfen kann, dann berichtet er von Archäologen, die ein Schwert aus der Römerzeit mit Neutronen beschiessen und so Einblick in die Struktur der in der Scheide gefangenen Waffe finden; dann schaut er durchs Mikroskop einer Neurobiologin, die herausgefunden hat, wie Nervenzellen im Hühnerembryo ihren Weg finden; oder dann porträtiert er einen Berner Gletscherforscher, der anhand von aufgetauchten Holzstücken aus der Steinzeit auf den damaligen Stand der Gletscher schliessen kann (und so die natürlichen Klimaschwankungen in den Alpen rekonstruieren kann). Blasers Beiträge sind kurz, keiner ist viel länger als eine Minute, und sie können daher natürlich nicht in die Tiefe gehen. Aber es gelingt ihm durchs Band ausgezeichnet, die Sache auf den Punkt zu bringen und in der kurzen Zeit die wesentlichen Punkte der gezeigten Forschungsprojekte zu erläutern. Ja, er lässt den Zuschauer auch meist wissen, warum gerade dieses Forschungsvorhaben wirklich wichtig ist. Man merkt den Beiträgen an, dass Roland Blaser Spass an seiner Arbeit hat. Mindestens so gut merkt man aber auch, dass Blaser Spass an den Forschungsprojekten und an den Protagonisten in seinen Kurzfilmen hat. Diese Freude, dieser Enthusiasmus für die kleinen Forschungsvorhaben, die sonst kaum je in die Öffentlichkeit rücken würden, springt auf den Zuschauer über. Und ich bin überzeugt, das Roland Blaser mit seinen Kurzfilmen schon manch einen Zuschauer neugierig gemacht hat und auf die Spur der Schönheit, der Komplexität und der Vielfalt der Naturwissenschaften gelockt hat. In diesem Sinn auch Ihnen, Herr Blaser: herzliche Gratulation! |
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